Michael Göring

 

                                                         Der Seiltänzer

 

                                 Verlag Hoffmann und Campe. Hamburg 2011

 

 

Michael Görings Roman Der Seiltänzer ist das Buch eines Intellektuellen über das Leben zweier Intellektuellen – der beiden Jugendfreunde Andreas Wingert und Thomas Johannmeyer.

Der Fachhochschulprofessor Dr. Johannmeyer ist scheinbar der Robustere der beiden, der katholische Geistliche Wingert der Verletzlichere – er ist der „Seiltänzer“ (einen Druck des gleichnamigen Gemäldes von August Macke hatte ihm sein Freund zum 16. Geburtstag geschenkt).

 

Bei genauerem Hinsehen aber ist es auch mit Thomas’ Robustheit nicht weit her. Denn während Andreas Wingert  sich in seinem Beruf bei aller Kritik an der Kirche und trotz seinem sexuellen Doppel- oder besser Nebenleben wohl fühlt und erst im Zusammenhang mit der Missbrauch-Krise innerhalb der katholischen Kirche durch aus der Luft gegriffene Behauptungen eines Gemeindemitglieds aus der Bahn geworfen wird, fühlt sich Dr. Johannmeyer in seiner Position als Fachhochschul-Professor seit geraumer Zeit unwohl: Es nagt in ihm, seiner ersten Frau zuliebe auf die Habilitation verzichtet zu haben, und fühlt sich von seinen Universitätskollegen diskriminiert und gemobbt. Das Sterben seiner Frau tat ein Übriges, um ihn zu zermürben. Auch seine zweite glückliche Ehe kann die geschlagenen Wunden nicht heilen, so dass er kurz nach seinem 50. Geburtstag einen Herzinfarkt erleidet.

 

Beide Männer sind also gezeichnet vom Leben – nicht mehr und nicht weniger. Beide unterliegen, wenn ich den Schluss des Romans nicht missverstehe: Thomas überlebt den Herzinfarkt nicht; und Andreas kommt möglicherweise auf dem Weg zu seinem schwerkranken Freund bei einem selbst verursachten Verkehrsunfall ums Leben. Deshalb erfährt der Leser nicht, wozu Andreas Wingerts zahlreiche Reflexionen und Dialoge mit seinem Vater, seiner Patentochter und Thomas, seine Vorstellungen von einem Neuanfang außerhalb des Priesterberufs geführt hätten, es sei denn, der Verfasser lässt in einem geplanten zweiten Band Thomas aus dem Koma erwachen und Andreas den Unfall überleben und einen Neuanfang gestalten.

 

Der Seiltänzer ist kein antikatholisches oder gar atheistisches Buch – im Gegenteil: Geschrieben worden ist der Roman aus Sorge um die Verkrustungen in der katholischen Kirche und den daraus resultierenden Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust. Hierbei ist die Diskussion um die Missbrauchsfälle in katholischen Institutionen nicht mehr als ein Aufhänger und Auslöser der Ereignisse des Buches, denn Andreas Wingert ist kein pädophiler Priester und hat sich selbst nichts vorzuwerfen. Die Vorwürfe, die eine Mutter aus seiner Gemeinde gegen den Priester erhoben hatte, werden in Görings Roman gar nicht aufgearbeitet – sie verpuffen irgendwie.

 

Andreas Wingerts Kirchen-Kritik setzt bei der Sexualfeindlichkeit der Kirche an – beim Zölibat, bei der Behandlung von Frauen und Homosexuellen in der Kirche. Wingert vertritt in diesem Zusammenhang geradezu protestantische Positionen. Einen neuen Lebensabschnitt Andreas Wingerts als verheirateten  evangelischen Pfarrer mit Frau und Kindern kann sich der Leser deshalb ohne weiteres vorstellen.

 

Homosexualität spielt in Görings Roman eine untergeordnete Rolle: Andreas Wingert hat neben zahlreichen heterosexuellen auch gleichgeschlechtliche Beziehungen, wobei einer seiner Partner an Aids erkrankte und starb. Doch ist dies alles nur ein Nebenthema und belegt Görings Neigung, in seinem Gegenwartsroman möglichst alle gegenwärtigen Konfliktbereiche gleichzeitig zu thematisieren.

 

Am überzeugendsten empfand ich Görings Schilderung des alltäglichen Vertrauensverlustes und des „Kollektivverdachtes“ (S. 94), dem Priester seit dem Missbrauchsskandal begegnen, der „Hexenjagd“ (S. 93) und der Verdächtigungs- „kultur“ (S. 192), der katholische Geistliche pauschal ausgesetzt sind: Priester wagen nicht mehr, einem Jugendlichen über den Kopf zu streichen, weinende Kinder in den Arm zu nehmen, Jugendfreizeiten anzubieten, um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, pädophil zu sein.

Als Lehrer weiß ich, wovon hierbei die Rede ist: die Angst, dass Schüler sich zu erfundenen Behauptungen versteigen, um sich an Lehrern zu rächen, um gute Noten zu erhalten, um nicht im Kampf um Zuneigung und Beachtung zu unterliegen.

Ich kenne Denunziationen von Kollegen und Elternbeiratsvorsitzenden mit der Behauptung, dass ein Lehrer Schüler besser als Schülerinnen beurteile und benote. Auch wenn sich alle Beschuldigungen als unwahr herausstellten: semper aliquid haeret – etwas bleibt doch immer hängen.

Dass ein Lehrer mehr männliche als weibliche Tutanden hatte, war für einen Schulleiter Beweis genug, dass dieser Kollege schwul sei!

Es wäre interessant zu untersuchen, wie viele unschuldig Beschuldigte durch die denunziatorische und mediale Verdächtigungs „kultur“ schwer erkrankt sind oder zum Selbstmord getrieben wurden – und wie vielen Kindern und Jugendlichen menschliche Zuwendung ohne jede sexuelle oder erotische Komponente entzogen worden ist.

 

Der Seiltänzer ist ein interessanter und anregender Roman, doch sind auch Schwächen zu konstatieren: Vieles wirkt konstruiert. Dies gilt auch für die zahlreichen Schicksalsschläge wie Krebserkrankung von Thomas’ Mutter, Selbstmord von Andreas’ Mutter, Aidserkrankung und Tod eines Partners von Andreas, Krebserkrankung und Tod von Thomas’ erster Frau und schließlich Thomas’ Herzinfarkt.

Wer die Fahrten aus Westdeutschland nach Berlin bis 1989 mit ihren Tagesaufenthalten in Ost-Berlin aus eigener Erfahrung kennt, wird Görings Schilderung der Reise der beiden Schüler Thomas und Andreas nach Berlin mit Skepsis begegnen. Die betrügerische private Geldtauschaktion im Interzonenzug, der Wirt eines Rotlichtlokals in Westberlin, der die beiden Schüler vor Nutten schützt, ein in seiner Berliner Wohnung vor den beiden Jungen ständig nackt herumlaufender und auf die Gesellschaft schimpfender 68er, die beiden Jungen, die ihre opulenten Einkäufe in Ostberlin in mehreren Paketen nach Hause schicken, um sie bei der Rückkehr nach Westberlin nicht deklarieren zu müssen (und dies alles ohne Angabe einer Absenderadresse im „Demokratischen Sektor oder in der DDR) – all das wirkt belustigend und ruft Kopfschütteln hervor.

 

Dennoch: Görings Buch ist spannend und liest sich gut. Zu empfehlen ist es jedem, der nicht von vorneherein für absurd hält, dass ein sexuell interessierter und aktiver Mann katholischer Pfarrer wird.